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  1. #1
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    "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Johann Wolfgang Goethe
    „Willkommen und Abschied“
    Deutsch-Klausur Klasse 11
    Thema: Analyse und Interpretation
    Arbeitszeit : 90 min (mit externen Textmaterial)

    Willkommen und Abschied

    Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
    Es war getan fast eh gedacht.
    Der Abend wiegte schon die Erde,
    Und an den Bergen hing die Nacht;
    Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
    Ein aufgetürmter Riese, da,
    Wo Finsternis aus dem Gesträuche
    Mit hundert schwarzen Augen sah.

    Der Mond von einem Wolkenhügel
    Sah kläglich aus dem Duft hervor,
    Die Winde schwangen leise Flügel,
    Umsausten schauerlich mein Ohr;
    Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
    Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
    In meinen Adern welches Feuer!
    In meinem Herzen welche Glut!

    Dich sah ich, und die milde Freude
    Floß von dem süßen Blick auf mich;
    Ganz war mein Herz an deiner Seite
    Und jeder Atemzug für dich.
    Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
    Umgab das liebliche Gesicht,
    Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
    Ich hofft es, ich verdient es nicht!

    Doch ach, schon mit der Morgensonne
    Verengt der Abschied mir das Herz:
    In deinen Küssen welche Wonne!
    In deinem Auge welcher Schmerz!
    Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
    Und sahst mir nach mit nassem Blick:
    Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
    Und lieben, Götter, welch ein Glück!

    (Quelle des eingefügten Gedichtes: http://gutenberg.spiegel.de/goethe/g...e/willkomm.htm)

    Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang Goethe besteht aus 4 Strophen zu je 8 Versen welche nach dem Reimschema ababcdcd kreuz- und endgereimt sind. Metrisch ist das Gedicht in 4 hebigen Jamben verfasst, welche bei den a und c Versen unbetont enden, und somit eine weibliche Kadenz bilden, und bei den b und d Versen betont enden, also eine männliche Kadenz aufweisen.
    „Willkommen und Abschied“ ist ein typisches Gedicht des Sturm und Drangs, welche die Gegenbewegung der Aufklärung verkörpert. Typisches Merkmal des Sturm und Drangs ist die Hervorhebung der Gefühle. Das neue Menschenbild prägten vor allem Ahnungen, Bilder, Originalität und Naturverbundenheit.
    „Willkommen und Abschied“ hat wie viele von Goethes frühen Gedichten seine eigene Textgeschichte. Es gehört zu den „Sesenheimer Liedern“ und ist das Bekannteste aus dieser Reihe. Das Gedicht, welches er für die Pfarrerstochter Friederike Brion verfasste, beschreibt einen Abend, an dem er zu ihr auf einem Pferd eilt, um die Nacht nicht allein verbringen zu müssen. Der skizzierte biographische Hintergrund, die Neuartigkeit der subjektiven Erlebnisgestaltung und die gewandelte Bildsprache machen „Willkommen und Abschied“ zu einem der bekanntesten Gedichte Goethes.
    Der Autor legt viel Wert auf die Umsetzung des Gefühls in Handlungen und die Kraft der Belebung natürlicher Dinge. Dazu verwendet er Motive wie äußere Düsternis („schwarzen Augen“ (S1, Z6)) und „Die Nacht schuf tausend Ungeheuer“ (S2 Z5)), Selbstbehauptung („Doch frisch und fröhlich war mein Mut“ (S2 Z6)), innerer Glanz („In meinem Herzen welche Glut“ (S2 Z8)), die unheimliche Natur (die Eiche als aufgetürmten Riesen (S1 Z4-5)) und zu dem das Liebesglück im Antlitz der Geliebten („rosafarbnes Frühlingswetter“ (S3 Z5)).
    Die Originalität und der fließende Rhythmus des Gedichtes führen zur neuartigen Gestaltung des Erlebnisses von Natur und Liebe und der stark betonten Emotion.
    Die Naturbilder, welche Goethe verwendet, stehen zwischen den Bewegungen des Herzens und werden so zu Bildern des Selbst. Die große Dynamik in „Willkommen und Abschied“ wird durch mehrere Bewegungen im Gedicht erzeugt. So tritt die Unruhe des Herzens, welche zum Aufbruch drängt („Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde“ (S1 Z1)), der ins Unheimliche projizierten Natur gegenüber („Wo Finsternis aus dem Gesträuche mit hundert schwarzen Augen sah“ (S1 Z7-8). Auch auf das Erblicken der Geliebten in S3, deren milde Freude auf ihn zukommt (S3 Z1) folgt eine Gegenbewegung. Diesmal vom lyr. Ich („Ganz war mein Herz auf deiner Seite“ (S3 Z3)).
    Mit den Mittern der zeitgenössischen Empfindsamkeit „Zärtlichkeit“ (S3 Z7) oder „der nasse Blick“ (S4 Z6) wird eine innovative Kraft der Emotionen erzeugt, da sie nur sparsam und mit Bedacht eingesetzt werden.
    Die Titelbegriffe „Willkommen und Abschied“ beziehen sich nur auf die letzten beiden Strophen und tatsächlich : Betrachtet man die Selbstständigkeit und Kohärenz der Strophen so bilden S1 und S2 eine engere Einheit als S3 und S4.
    S1 und S2 beschreiben beide das Einbrechen der Nacht („Der Abend wiegte schon die Erde“ (S1 Z3) und „Der Mond von einem Wolkenhügel“ S2 Z1)). In beiden Strophen wird das „Ich“ erwähnt und das rückblickende Subjekt „Mir“ verwendet. Auch das Vorkommen des Leitwortes „Herz“ in beiden Strophen führt zur Einrahmung dieser.
    Der erste Vers des Gedichtes beginnt mit „Es schlug mein Herz“. Die Verwendung des Verbes im Imperfekt erweckt den Eindruck einer distanzierten Erinnerung, welche jedoch durch eingefügte Ausrufe („In meinem Herzen welche Glut“ (S2 Z8)) und durch die Dynamik der Bilder relativiert wird. Der schnelle Leserhythmus der ersten beiden Strophen trägt zur bildlichen Darstellung des hastigen Aufbruchs des lyr. Ichs – hier einem Jüngling – zu seiner Geliebten bei („geschwind“ (S1 Z1), „umsausten“ (S2 Z4), „getan fast eh gedacht“ (S1 Z2)).
    Als das lyr. Ich auf seinem Pferd los reitet, ist die Nacht bereits herein gebrochen (das Wiegen der Erde durch den Abend (S1 Z3)).
    Das Landschaftsbild, welches der Autor mit seinen Worten zeichnet, wird von der Ferne zur Nähe aufgebaut (das nahe Liegende zuletzt (die riesenhafte Eiche im Nebel (S1 Z5-6), schwarze Silhouetten der Sträucher usw.), wobei die Natur personifiziert wird („die Finsternis sah“ (S1 Z7-8). Die Eiche wird durch die metaphorische Gleichsetzung mit einem Riesen noch bedrohender dargestellt, was durch die häufige Verwendung von Hyperbeln zusätzlich unterstützt wird („hundert schwarze Augen“ (S1 Z8), „tausend Ungeheuer“ (S2 Z5).
    Die Gefahr wird durch viele dunkle Vokale, wie a und o und durch die Reihung sich steigernder Substantive (Abend-Nacht-Finsternis) geprägt.
    Die Entschlossenheit, Tatkraft und Freude des lyr. Ichs unterstützt die Form des Gedichtes, welche also den Inhalt unterstützt. Inhaltlich lässt sich das lyr. Ich von der grauenhaften Natur nicht einschüchtern, denn seine Sehnsucht nach der Geliebten überwiegt.
    Die 3. Strophe berichtet von der Ankunft des lyr. Ich’s an seinem Ziel. Die Geliebte wird in den Vordergrund des Gedichtes gerückt (Goethe schreibt : „Dich sah ich“ (S3 Z1) und nicht „Ich sah dich“). Die in S1 und S2 erzeugte dämonische Dunkelheit weicht mit dem erkennen der Geliebten in S3. Die „milde Freude“ fließt aus dem „süßen Blick“ auf das lyr. Ich wie Gnade („ich verdient es nicht“ (S3 Z4)). Das „Willkommen“ geheißen werden des lyr. Ichs von der Geliebten stellt den Titelbezug wieder her. Der Jüngling hat sein Ziel erreicht, er gibt sich seiner Sehnsucht hin. Die Begegnung der Beiden ist nur visuell gestaltet, also ohne Wortwechsel der beiden Personen zB. „rosafarbnes Frühlingswetter“ à sanftes Erröten, welches dem Leser den Eindruck von Glück und Harmonie vermittelt. Die Schlusszeile, welche aus einer bejahenden und gegen gesetzten verneinenden Anapher „ich hofft es, ich verdient es nicht“, deutet eine weitere gewünschte Liebesbegegnung von Seiten des lyr. Ichs an. Goethe verwendet in der Zeile die Elision, um metrisch sauber zu arbeiten.
    In S4 wird durch die Morgensonne der Abschied bedingt, wobei auch hier wieder der Titelbezug hergestellt werden kann. Das Ende des Gedichtes mit dem Abschied bei Tagesanbruch erinnert an die „Tag-Lied-Tradition“ aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, wo Liebhaber nach der Liebesnacht aufbrechen musste, um nicht erkannt zu werden. Die Morgensonne kontrastiert das Abenddunkel, genauso wie in S4 das Leid des Abschieds das Glück des Willkommenheißens in S3. Der Blick der Geliebten bildet in der Abschiedsszene ein dominantes Element („in deinen Augen, welcher Schmerz“ (S4 Z4). Die Anapher S4 Z6-8 bindet die Zeilen und rahmt die Schlussszene ein. Die letzten Zeilen sind in Präsens verfasst und ähneln der Pointenstruktur vieler Gedichte der Aufklärungszeit, ebenso wird in S4 Z7-8 der Unterschied des „Lieben“ und „geliebt werden“ in Form des Chiasmus verdeutlicht.
    Zusammenfassend stellt „Willkommen und Abschied“ die Gefühls- und Gedankenwelt des lyr. Ichs dar, das sich der Gegensätze innerhalb der Liebe bewusst wird. Die deutliche Schilderung der Emotionen baut eine scheinbare Nähe zum lyr. Ich auf. Das Gedicht beschreibt das uralte Bestreben der Menschheit, ihre Gefühle und Leidenschaften dem geliebten Menschen mitzuteilen und bildet dessen Basis.

    (Ps. Natürlich besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.)

  2. #2
    Posten... muss... POSTEN!! Benutzerbild von Spawn81
    [Kaffee trinkend!!!]

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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Sehr nett, steckt viel Arbeit in dieser Analyse & Interpretation!!! Alleine dafür hat diese Arbeit schon eine Spitzennote & einen Platz in meinen persönlichen TopTen verdient!!!


    Respekt- & Hochachtungsvoll Spawn81
    Freut sich, wenn Ihr Euch freut!

    Bitte die Bewertung nicht vergessen falls ich helfen konnte!

    Mein System: Dyson DC23, Saugleistung (Watt) - 280 (konstant), Gewicht - 8,75 kg

  3. #3
    hat noch RL
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Vielen Dank,

    wie oben erwähnt, es war eine Klausur, also hat man da keine Große Wahl ob Wollen oder nicht Wollen . Aber da ich das Gedicht ohnehin vorher schon kannte, war es dann auch nicht mehr wirklich schwierig.

    EDIT: Was hat es mit den Kommentaren auf sich, die ich in mein Kontrollzentrum bekomme und mit diesen Renommeepunkten?
    Geändert von September (01.02.2005 um 12:46 Uhr)

  4. #4
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Zitat Zitat von September
    EDIT: Was hat es mit den Kommentaren auf sich, die ich in mein Kontrollzentrum bekomme und mit diesen Renommeepunkten?
    das ist nur eine kleine Spielerei..man kann sich nichts davon kaufen. Ist halt eine zusätzliche Möglichkeit, jemanden eine kleine Nachricht zukommen zu lassen.

  5. #5
    Greenhorn
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Todesschrei



    Sie hatte Tränen im Gesicht, als sie sagte:" Ich liebe dich!" Doch er glaubte ihr nicht. Sie ging durch die Strassen, ihr Herz war leer, und ihr Leben wollte sie nicht mehr. Sie stand auf den Schienen, und hörte den Zug kommen. "Ihr Todesschrei" Zu spät stand er an ihren Grab, mit Tränen im Gesicht, als er sagte:"Ich liebe dich!!!"
    Geändert von Bildregie (21.02.2005 um 20:30 Uhr)

  6. #6
    hat noch RL
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Hehe, soviel dazu, dass hier nicht gespammt werden soll .

    @shakesspeare Was genau willst du mir damit sagen?

  7. #7
    LTB
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    4 Postings für ein Halleluja
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    einen kleinen Fehler hat dein gedicht schon
    es ist die Rede von einem "roSENfarbenen Frühlingswetter"!!! und nicht "roSa"-farbend

    ich muste vor 2 Jahren in der 7ten Klasse auch dieses *piiiiip* Gedicht interpretieren Fast die gesammte Klasse -einschließlich mir- hat "rosa" gelesen

    PS: Ich schreibe morgen Mini-Abi Deutsch und ich vermute, dass dieses Gedicht, oder ein ähnliches, drankommt

    nochwas:
    eine anapher ist doch, wenn sich der anfang eines satzes in 2 oder mehr versen (untereinander) gleich sind.
    zb:
    In meinen Adern welch ein Feuer!
    In meinem Herzen welch eine glut!

    Das Beispiel das du angibts ist meiner Meinung nach KEINE Anapher ( [...] ich hofft es, ich verdient es nicht" [...] ), da dies ein zusammenhängernder satz in EINER zeile ist



    haut mich, wenn ich mich irre
    Geändert von LTB (21.02.2005 um 19:33 Uhr)

  8. #8
    sollte sich ein Hobby suchen Benutzerbild von speedgockel
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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Zitat Zitat von LTB
    nochwas:
    eine anapher ist doch, wenn sich der anfang eines satzes in 2 oder mehr versen (untereinander) gleich sind.
    zb:
    In meinen Adern welch ein Feuer!
    In meinem Herzen welch eine glut!

    Das Beispiel das du angibts ist meiner Meinung nach KEINE Anapher ( [...] ich hofft es, ich verdient es nicht" [...] ), da dies ein zusammenhängernder satz in EINER zeile ist



    haut mich, wenn ich mich irre
    *hau*
    *gg* nein, du hast schon recht...
    Aanapher, die (griech. anaphora = Beziehung, Zurückführung): Wiederkehr desselben Wortes oder Wortgruppe zu Beginn mehrerer aufeianderfolgender Verse oder Strophen.

    Beispiel:
    Das Wasser rauscht',
    das Wasser schwoll.

    Gegensatz: Epiphora

  9. #9
    hat noch RL
    [hellwach]

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    AW: "Willkommen und Abschied" von Goethe, Analyse und Interpretation

    Ja, da habt ihr Recht.
    Wer übrigens mal ne Interpretation braucht, der sollte seinen Hintern am besten in die Bibliothek bewegen, dort gibt es sowas auch als gesammelte Bände auszuleihen.
    Und es heißt "rosa", zumindest was meine Quellen angeht. Da Goethe es aber über einige Jahrzehnte noch einmal überarbeitete, kann es darauf ankommen, was ihr für eine Version gerade habt.


 

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